Frühkindliche Entwicklung

Ein Kind wird mit einem ganzen Paket frühkindlicher Reflexe geboren. Sie sind unerlässlich für die Entwicklung des Fötus, ihre Reifung beginnt bereits in den ersten Wochen im Mutterleib. Beispielsweise ermöglicht sie dem Kind, aktiv bei seiner Geburt mitzuhelfen. Nach der Geburt sichern die Reflexe das Überleben des Säuglings. Beispielsweise dient der Moro-Reflex („Schreck-Reflex“) als einfache Alarmanlage. Er ermöglicht dem Neugeborenen, sich bei Hunger, Schmerz oder Kälte zu melden. Der ATNR (asymmetrischer tonischer Nacken-Reflex) sorgt für eine freie Luftpassage, indem das Kind in Bauchlage den Kopf zur Seite dreht. Viele Reflexe greifen ineinander und ermöglichen dem Baby nach und nach, sich zu drehen, zu krabbeln und schließlich sich zum Gehen aufzurichten. Spätestens nach dreieinhalb Jahren sind normalerweise alle frühkindlichen Reflexe in reife Halte- und Stellreflexe umgewandelt oder sie werden vom Großhirn kontrolliert und wirken nicht mehr. Beeinträchtigen bestimmte Faktoren während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten die Reifung, Umwandlung oder Hemmung der Reflexe, kann das Kind (zum Teil nur in einzelnen Bereichen) hinter dem altersüblichen Reifegrad zurückbleiben. Störfaktoren sind beispielsweise Hormonbehandlungen der Mutter, unbehandelter Schwangerschaftsdiabetes, schwierige Geburtsverläufe (Sectio, Zangengeburt, Sturzgeburt) sowie Anpassungsschwierigkeiten des Säuglings nach der Geburt.

Die Reflexe geben viele Grundstrukturen vor, die dem Baby helfen, reife Muster und Fertigkeiten zu entwickeln. Dazu gehören unter anderem Koordination und Gleichgewicht, Willkür-Motorik und Handlungsplanung. Sie prägen außerdem wichtige Augenfunktionen, die für das Lesen und Lernen unerlässlich sind, sowie die Wahrnehmung der Umgebung mit allen Sinnen. Letztlich beeinflusst dies, ob ein Kind zögerlich und ängstlich oder entschlossen und mutig durch die Welt geht. Frühkindliche Reflexe machen uns – neben anderen Faktoren – zu dem Menschen, der wir sind. Ihr großer Einfluss macht verständlich, dass sie auch für viele Probleme und Auffälligkeiten bei Kindern verantwortlich sein können, wenn sie länger bestehen bleiben, als von der Natur vorgesehen.

Reste frühkindlicher Reflexe stellen keine Krankheit dar. Sie verursachen lediglich einen Entwicklungsrückstand, den es in einem zweiten Anlauf aufzuholen gilt.